Was bleibt vom Christentum ohne Jesus?

Sicherlich werden Sie jetzt denken, was ist denn das für eine blöde Frage? Selbstverständlich gehört „Jesus“ zum Christentum und die Frage kann ja nur lauten, ob man das „über ihn im Neuen Testament Berichtete“ glaubt oder nicht - oder teilweise oder größtenteils. Ganz so ist es jedoch nicht  - mehr -, muss man jetzt hinzufügen.

Die Frage nach „Jesus“, dem Christentum und einer religiösen Botschaft beschäftigt die historische Wissenschaft und – meist oft atheistische – Glaubensinteressierte erkennbar erst seit rund 200 Jahren „so richtig“. Davor galt es als selbstverständlich, dass die Evangelien, die Briefe des Paulus und was so an „außerchristlichen Zeugen“ aufgeboten wurde als historisch belegt galten, auch wenn man  durchaus mehr oder minder große Widersprüche und nachgewiesene Irrtümer und auch Fälschungen aufgedeckt hatte. Andere Meinungen waren ja bekanntlich ohnehin „lebensgefährlich“. Die Suche nach der Zeit der Aufklärung und bis heute galt dem „historischen Jesus“, den „wahren Worten Jesu“ usw. Als Beispiele für diese Aufarbeitungen seien Gerd Lüdemann mit „Der erfundene Jesus – Unechte Jesusworte im Neuen Testament“ und „Heinz-Werner Kubitza mit „Der Jesuswahn – Wie die Christen sich ihren Gott erschufen“ genannt. Diese dort schon bis an die Grenzen jeglicher Glaubwürdigkeit führenden Fragen stellt der Verfasser des hier besprochenen Buches, Harald Specht, sich allerdings nun noch radikaler.

Der Wind scheint sich nun für die weltlich repräsentierende Kirche geradezu dramatisch zu drehen - trotz eines „reformwilligen Papstes“, der allein schon aufgrund seiner Ankündigungen mit vorauseilender Unterwürfigkeit gefeiert wird. Mag er seine Kirche nun reformieren wollen, wie er will – das sei, wie es sei, aber damit sind wir bei der eingangs gestellten Frage. Es ist nämlich langsam nicht mehr so, dass sich die christliche Religionskritik an einer „Jungfrauengeburt, am Gehen über einen See oder an einer Totenerweckung“ aufreiben müsste, sondern es geraten durchaus in zunehmender Anzahl unter Wissenschaftlern auch die Hauptpersonen des Christentums und seiner verbreiteten „Historizität“ mit Jesus und Paulus in einen kritischen Fokus. Und mit diesen Fragen kommt dann zwangsläufig auch jegliche „höhere Legitimation“ der christlichen Kirchen ins Schwimmen. Konnte man sich bislang schon überhaupt nicht vorstellen, dass irgendjemand einmal ein „Christentum“ insbesondere mit diesen Protagonisten überhaupt „nur erfinden“ könnte, so kann man inzwischen erkennen, dass diese Undenkbarkeit mit wesentlich größerer Plausibilität und vor allem wissenschaftlich untersuchten Belegen als wesentlich wahrscheinlicher, wenn nicht gar mit allergrößter Wahrscheinlichkeit als nachgewiesen angesehen werden muss. Wenn es nie einen „Jesus“ gegeben hatte, auch keinen „Jesus“, den man lediglich wie einen Kleiderständer benutzt hätte, wie unter unabhängigen Religionskritiker bislang stets mehrheitlich vertreten wurde, sondern überhaupt keine irgendwie als Person, Mensch, gar als göttliche Erscheinung vorkommende Substanz nachzuweisen wäre, dann gab es diesen „Jesus“, der angeblich zu verkünden ist, eben gar nicht - und die Priester könnten sich weltlichen Berufen zuwenden.

Wer zum ersten Mal diese These liest, wird sicherlich und zwangsläufig denken, das kann doch nicht sein. All die Jahrhunderte, all die Macht, all die Personen, die für „Christentum“ - in welcher Form auch immer – eingetreten sind, das muss doch einen gesicherten und unstrittigen Kern haben. Genau auf diesen Punkt geht der Autor des unten empfohlenen Buches am Ende seiner Ausführungen mit klarster Logik ein und entlarvt die Unhaltbarkeit dieses doch so „griffigen“ Arguments. Inzwischen gibt es aus den Niederlanden kommend eine „radikalere Christentumskritik“. In Deutschland rütteln insbesondere Hermann Detering mit seinem Buch, „Falsche Zeugen – Außerchristliche Jesuszeugnisse auf dem Prüfstand“ und – hier vorgestellt - Harald Specht mit seinem „Jesus?- Tatsachen und Erfindungen“ mit großer Sorgfalt eine im Grunde uralte Streitfrage wieder aktualisiert. Aufgrund neuerer Erkenntnisse stellt er überzeugend die gesamte Entstehungsgeschichte nicht nur infrage, sondern verwirft sie als „erfundene“, aus anderen Religionen und insbesondere Mythen zusammengeschusterte Ideologie und somit reinste Mischreligion. Schon Arthur Drews hatte in den 1920ziger Jahren die Frage gestellt „Hat Jesus gelebt?“ - und mit seinen Büchern (u.a. „Die Christusmythe“) verneint. Diese Gedanken und Untersuchungen setzt Specht mit seinem Buch fort. Die Tiefe, durch sprachliche Analysen und Religionsvergleiche, ist beachtlich, setzt vielleicht grundlegende Kenntnis der bereits vorhandenen Kritik allgemein und Kenntnis der neutestamentlichen Texte zumindest in Grundzügen voraus, aber ist auch für einen interessierten Laien, der sich bislang noch nicht so intensiv mit dieser Fragestellung befasst hat, ist der Text durchaus verständlich und vor allem überzeugend aufbereitet, vielleicht sogar „zwingend“. Es bedarf allerdings eines grundlegenden Interesses, sich in diese Materie zu vertiefen. Das ist ja gerade die Entstehensvoraussetzung und die Fortbestandsgarantie, dass sich nur wenige Menschen überhaupt mit dem befassen, was sie für „äußerst bedeutend für alle und auch für sich persönlich halten“. Und das ist übrigens auch einer der Gründe für den Erfolg des Christentums überhaupt: Dass es gelang, abstrakte, mythische und mystische Religionen für das geistig einfach strukturierte Publikum durch die Erfindung eines menschlichen Trägers („historischer Jesus“) letztlich zu banalisieren und für diese Menschen verständlich zu machen. Dieser Gründungserfolg könnte sich aber nun zu einer fatalen Abhängigkeit entwickeln. Was wären die christlichen Kirchen, wenn es überzeugend gelänge nachzuweisen, dass es einen historischen Jesus nie gegeben, sondern das erst nach der Entstehung eines religiösen Komplexes „Christentum“ eine „Jesu-Figur“ erfunden und diese erst danach zu einem Kristallisationspunkt gemacht worden wäre?

Wenn man sich die Entstehung vor Augen führt, dann ist schon die Bezeugung einer Auferstehung durch Zeugen „äußerst dünn“ belegt. Petrus, Johannes und Maria Magdalena sind im Wesentlichen diejenigen, die „bezeugen“. Alle anderen und auch ein fiktiver Paulus fabulieren ohnehin selbst nach herkömmlicher Religionskritik. Von Anfang an gibt es immer nur „Glauben“. Dass Paulus ohnehin für einen ganz anderen Christus steht als den der Evangelien, sei hier nur nebenbei eingeflochten. Auch auf das merkwürdige Phänomen, dass es z.B. in Rom und Alexandria bereits „Christen“ gab, bevor er sich auf seine doch so geschätzten Missionsreisen begab. Mit einem historischen Jesus, so wie er präsentiert wird, hat das ohnehin nichts zu tun. Äußerst bemerkenswert ist jedoch, wie viele Jesusse letztendlich in der jüdischen Geschichte und gerade in der Zeit der römischen Besatzung zumindest zeitweise eine Rolle gespielt haben. Sie liefern Aspekte, mit denen man einen literarisch komponierten Jesus anreichern oder abrunden kann. Auch dies kann nur angedeutet werden. Die Vielfalt an Übernahmen aus anderen Religionen, insbesondere die „Versöhnung“ jüdischer Messiaserwartungen mit den sonstigen Erlösungserwartungen und der griechischen Philosophie schuf „das Christentum“.

Hier kann natürlich die umfangreiche Argumentation nicht dargelegt werden – da sollte sich jeder schon selbst mit diesen Ausführungen auseinandersetzen. Schließlich gilt es mit einer über 1000jährigen Manipulation und Irrlehre aufzuräumen. Das kostet Zeit und Überwindung. Ein Schwerpunkt des Buches ist natürlich die Datierung der Quellen und die entlarvenden Bezüge zu  den „Übernahmen“ anderen Religionen. Erst wenn man bei allem die richtige zeitliche Reihenfolge erkennt, wird deutlich, wer von wem und was von was abstammt.

Die Wirkung ist zudem immer wieder erstaunlich, wenn schriftliche Darlegungen durch Bilder (Gemälde, Skulpturen oder Fotos) das Gesagte sogar „sinnbildlich“ veranschaulichen. Allein diese wenigen Bilder verdeutlichen vielleicht mehr als hunderte Worte, um was es geht. Der Vergleich vorchristlicher Bildnisse z.B. mit „christlichen“ verblüfft mehr als einmal – und es wird mehr als deutlich, wer da von wem etwas „abgekupfert“ hat. Weder Engelsflügel, weder Heiligenschein, weder Mutter mit Kind, weder Heiland mit Lamm noch vieles andere mehr (– nebenbei: und erst gar die priesterliche Garderoben) sind irgendwie „christlich“. Auf dem katholischen Katechismus ist übrigens auch Apoll mit einem Lamm auf seinen Schultern abgebildet – und nicht Christus, wie man zwangsläufig annehmen sollte! Aber auch der Wandel der Symbole selbst zeigt die geschichtliche Entwicklung auf. Christus wurde in den ersten Jahrhunderten zum Beispiel als Sonnengott präsentiert und wer es gewagt hätte, ihn in der heute so beliebten „Kruzifix-Präsentation“ zu zeigen, wäre sicherlich wegen Blasphemie hingerichtet worden. Aber das hat mit dem Buch nichts zu tun, sondern ist nur ein „passendes“ Beispiel für Übernahme, Anpassung, Wechsel der Botschaften, Plagiate oder die krasse Verletzung des „copy rights“ - wie man heute sagen würde. Mit viel Aufwand, Sprach- und Literaturkenntnis legt der Verfasser dar, was alles nicht „christlich“, sondern auf andere Religionen und Kulturen zurückzuführen ist. Isis und ihr Sohn Horus sind die Eins-zu-eins-Vorlagen für Maria und das Jesus-Knäblein. Aber das ist nur ein Beispiel von hunderten. Allein die Herleitung der uns bekannten Namen und sonstiger Bezeichnungen verwundert immer wieder – und zementiert Seite für Seite, was da alles so an der „historischen Überlieferung“ mit einem Jesus oder auch Paulus nicht stimmt – letztendlich gar nicht stimmen kann.

Inzwischen ist selbst unter den meisten gläubigen Theologen z.B. ausgemacht, dass „Weihnachten“ als pure Fiktion und Legende anzusehen ist. Nichts, was damit zusammenhängt, „stimmt“. Aber allein mit dieser Erkenntnis kann man heute selbst unter Theologen keinen Blumentopf mehr gewinnen und der Autor Specht fertigt dies deshalb auch zu recht mit einigen Zeilen ab. Dessen ungeachtet wird in unseren Breiten natürlich „Weihnachten“ gefeiert und dieser Fantasiererei wird man auch über Jahrzehnte nicht beikommen – da der von der Kanzel predigende oder sonst Verkündende mit keinem Wort seine vermutlich auch eigene Überzeugung kundtun wird. Schließlich hängt ja für jeden Kleriker sein Einkommen von der Aufrechterhaltung und Förderung der ungebildeten „Volksfrömmigkeit“ und dem Wohlgefallen seiner Kirche ab. Aber dieses Buch wäre – meilenweit über diese Banalitäten hinausgehend – für viele Menschen ganz sicherlich ein schönes „Weihnachtsgeschenk“.

Ich habe schon eine sehr große Anzahl „gängiger“ religionskritischer und kirchenkritischer Bücher mit einer großen Bandbreite an Sachkompetenzen, unterschiedlichen Ansätzen, Aspekten und Argumentationen, Quellenkunde, Schlüssigkeiten und Plausibilitäten gelesen, aber dieses Buch überragt nach meiner Auffassung alle, da es dem Glauben mit höchster Sachkompetenz auf den Grund geht. So sollte es jede/r einmal lesen, der/die meint, „das mit dem Christentum sei geklärt“, „er/sie wisse alles Wesentliche, was darüber zu sagen wäre“ oder „es käme ohnehin auf keine Wissen“ an. Jede/r wird überrascht sein, was er bzw. sie nicht weiß. Ich sehe jedenfalls aufgrund dieses Buches das alles heute viel klarer, nicht mehr nur im endlosen Kleinklein der Widersprüche, Irrtümer und bewussten Fälschungen, sondern aus anderer Warte eben grundsätzlicher und im Ergebnis zwingender und überzeugender - was bei diesem Untersuchungsgegenstand auch schon was heißen will. Nicht tausend Dinge sind falsch, sondern nur ein einziges! Es wird klar, was man eigentlich wissen und verstanden haben sollte, wenn man über das Christentum redet. „Christentum“ - und damit sind dann vor allem die Kirchen gemeint - ist in unserer Zeit alles andere als „erledigt“ - ob das einem nun passt oder nicht. Allein schon das Thema Staat, Kirchen und Finanzen sollte jeden Mensch, Bürger und Steuerzahler interessieren. Und die Kirchen und auch die jeweiligen politischen Vertreter haben keinerlei Interesse daran, über Religion „aufzuklären“ oder religiöse Einflüsse so zu beschränken, wie es eigentlich dem Geist der Verfassung entsprechen würde. Das zeigt auch der gerade unterzeichnete Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD. Religion hat stets für die Herrschenden auch Legitimationscharakter – und das hat mit Wahrheit überhaupt nichts zu tun.

Über seine/ihre Einstellung zur „Glaubensfestigkeit“ wird jede/r zwangsläufig ganz anders denken, wenn er/sie das Buch gelesen hat. Es wird seinen/ihren Blickwinkel und Wissenstand dramatisch verändern – versprochen! Fast jeder/jedem Leser/in dürften die Augen übergehen - und das ist hier allemal eine bereichernde und beglückende Erfahrung.

Empfehlung:
Harald Specht, „Jesus? - Tatsachen und Erfindungen“
ISBN 978-3-86901-898-0
Engelsdorfer Verlag
Preis: 19,90 €, 654 Seiten

Roland W.