Nochmals: Gab es einen „Jesus“?

Eines ist jedenfalls bei dieser Frage glasklar: Wenn es sich ergeben sollte, dass es einen Jesus, so wie er in den Evangelien beschrieben wurde, gar nicht gab, dann würde das gesamte klerikale Gebäude mangels eines Christus', mangels einer „Menschheitserlösung“ (was auch immer darunter zu verstehen sein soll) in sich zusammenkrachen. Christus ohne Jesus, das geht nicht; Jesus ohne Christus, das ginge schon – würde aber niemanden interessieren.

Die „political correctness“ verlangte aufgrund der unübersehbaren Widersprüche und „Unwahrscheinlichkeiten“ bisher, dass man jedoch konfliktvermeidend zumindest eine „Kern-Figur“ anerkennt, und je weiter man von der katholischen Ideologie und Dogmatik entfernt war, umso größer war und ist der „Spielraum“, in dem man dann nach „echten Worten“, „echten Taten“ und „echten Botschaften“ suchen musste und durfte.

Viele Religionskritiker schenkten sich wohl auch deshalb die Mühe, diese Frage radikal zu stellen, konnten sie doch klar nachweisen, dass ein Jesus dies nicht gesagt oder dies nicht getan haben konnte, sondern das dies z.B. erkennbar „nachösterliche“ Reaktionen der ersten Gemeinde auf spalterische Tendenzen und andersartige Interpretationen waren. Wenn man so Irrtum auf Irrtum, Widerspruch auf Widerspruch aufgetürmt hat, dann verschwindet ein angeblicher Urheber im Nebeldunst der Geschichte und ist eigentlich ausreichend „entlarvt“, ohne dass man auch noch einen letzten Schritt gehen müsste. Aber eben nur eigentlich. Denn genau mit diesem „eigentlich“ geht dann für die Anhänger dieses Glaubens und die Anhänger dieser vermeintlichen Person die Suche ja wieder erneut los. Egal wie, ein Christus könne ja schließlich gelebt haben. Man müsse nur gründlicher forschen, oder natürlich noch besser: da gäbe es ja gar nichts zu forschen. Die bezeugte Wahrheit stehe über allen Forschungen und vernunftorientierten Ergebnissen. Und in Glaubensdingen wird ja gern generell jede Verstandestätigkeit als unnütz verworfen. Und schließlich habe man ja ein ganzes Glaubensgebäude vor sich, das schon selbst für die Wahrhaftigkeit spreche.

Deshalb noch einmal zurück zur Ausgangsfrage: Lebte Jesus? Oder was sollte man bedenken, wenn man die Frage – vielleicht allzu vorschnell – bejahen möchte?

Die allermeisten Christen denken ja wohl, dass es zuerst eine Geschichte um Jesus gab (dazu später). Da habe man halt nur nichts aufgeschrieben oder erst später „ins Reine geschrieben“. So ließen sich auch Widersprüche oder Irrtümer erklären. Insbesondere Paulus habe dann sozusagen als erster und göttlich beauftragter Interpret einiges präzisiert und im Sinne „des Herrn“ ausgeweitet. Diese Auffassung ist jedoch kaum haltbar, da schließlich die ältesten schriftlichen Zeugnisse – so um das Jahr 50 – eben auf Paulus zurückgehen. Aber was schrieb denn dieser Paulus dann über Jesus? - So gut wie nichts! Dieser Jesus war ihm eigentlich egal. Das merkt man daran, dass er ihn nur an wenigen Stellen mit diesem Namen erwähnt, sondern immer und vor allem von einem „Christus“ begeistert (vermutlich wortwörtlich zu nehmen!) war. Vor allem aber merkt man das daran, dass Paulus auch dort, wo es eigentlich passen würde, nur auf Aussagen des Alten Testaments, der Thora, aber eben nicht auf „Herrenworte“ zurückgreift, wie dies ja aufgrund eines „neuen Bundes“ eigentlich nahe liegen würde oder gar als zwingend erscheinen müsste. Dass ihm dieser Jesus – abgesehen von seiner „Träger-Funktion“ – ziemlich egal war, sieht man auch daran, dass er nach seinem berühmten und dreifach widersprüchlichen „Damaskus-Erlebnisses“ (mal nur Stimme, mal gesehen, mal nur er, mal auch Begleiter) nichts Besseres zu tun hatte, als nach eigener Aussage (!) erst einmal für drei Jahre „nach Arabien“ zu verschwinden. Erst danach besuchte er (nach eigenen Angaben) für einige Tage (!) Jerusalem und sprach u.a. dabei mit Petrus. So richtig „schlüssig“ erscheint das wohl niemandem, der versucht sich in diese Situation hinein zu denken. Ach ja, und wenn Paulus das Alte Testament/die Thora zitierte, dann merkwürdigerweise auch nicht das hebräische Original, sondern die griechische Übersetzung. Was sagt uns das über den angeblichen Pharisäer und Studenten „Paulus in Jerusalem“ und was sagt uns, dass er offensichtlich und schließlich römischer Staatsbürger war? Die ganze Sache stinkt zum Himmel! Bis heute! Das paulinische „Outing“ - schlussendlich - musste für Juden so unglaublich wirken, als wenn man heutzutage als Bundeswehrsoldat bekennen würde, man sei seit langem Taliban oder sei Anhänger von Al Qaida. So viel also mal zum „Erst-Zeugen“.

Ja, aber was und warum hat er dann etwas mit „Christus“ gepredigt? Nun, einen Christus hat er zunächst einmal nicht gekannt. Aus seinem griechisch-römischen Umfeld waren ihm aber geopferte und „wiederauferstandene“ Götter durchaus bekannt. Für Götter ist dies schließlich eine Art „Eignungsnachweis“. Dass das Ganze mit der Wiederholung von Fruchtbarkeit und Jahreszeiten zusammenhängt, sei hier nur angedeutet. Den genialen oder unsäglichen Schachzug – je nach Sichtweise -, zu dem sich Paulus entschloss, war aber nun, dass er einen Menschen mit einem Gott in Verbindung, eben „personalisiert“ einbringen wollte. Hier Götterhimmel, hier Erdendasein – das konnte „sinnstiftend“ verbunden werden. Schließlich war er römischer Staatsbürger und Jude, und da konnte doch was „zusammen gehen“!? - Dass es da einige Juden gab, die an einen auferstandenen Messias glaubten, war ihm sicherlich zu Ohren gekommen. Wenn da aber glaubhaft gemacht werden konnte, dass ein Mensch „auferstanden“ sei, wurde dieser dann nicht gleichsam automatisch zu einem Gott? Und warum sollten dann nicht alle Menschen „auferstehen“ können? Dass dieser Muster-Jesus wirklich zu einem Gott werden sollte, konnte er natürlich den Juden bei seinen ersten Missionsversuchen noch nicht so erklären. Aber quasi als ein von Gott gesandter Halbgott, dass mussten die unter dem römischen Joch Gebeutelten oder bereits Auferstehungsgläubigen doch auch glauben können – oder gar müssen. Wer von den Toten „aufersteht“, das kann kein normaler Mensch mehr sein. Dieser Schlussfolgerung würde ja sogar ich mich anschließen. Der Haken wäre nur, ob das überhaupt stimmt. Um es ganz klar zu sagen: Paulus sah sich offensichtlich berufen, eine „versöhnliche“ Religion zu predigen. „Völker-Apostel“ eben – auch wenn hier ins Lächerliche führende Übertreibungen aufgetischt werden. Auch Paulus hat ja übrigens einen Zuhörer wieder von den Toten auferstehen lassen, der sich aufgrund seiner langweiligen Predigt vom Fenstersims in den Tod stürzte – nach der Apostelgeschichte, nur das auch das einmal unter Glaubwürdigkeitsgesichtspunkten gesagt und verkündet wird. Petrus ließ dafür ein Ehepaar sterben, das nicht seinen ganzen Besitz der Gemeinde stiften wollte – hier dann ohne Wiederbelebung! Auch das zur Glaubwürdigkeit und Wahrheitsliebe des Evangelisten Lukas in der Apostelgeschichte.

Seine Botschaft konnte aber nicht die jüdische Version eines auserwählten Volkes sein – wem hätte er denn das außerhalb Palästinas verkaufen sollen? Mit dem griechisch-römischen Götterhimmel, der so offensichtlich beziehungslos zu allem Irdischen vor sich hindümpelte, war als Missionar ja auch kein Staat zu machen. Hätte jemand Paulus erzählt, da gäbe es einige, die an eine Auferstehung eines Karl-August glauben, dann hätte er mit seinem Denken eben bei diesem Karl-August angesetzt. Was dieser Karl-August denn so gesagt oder gemeint haben könnte, können wir getrost vernachlässigen. Paulus hat ja auch nicht interessiert, was Jesus gesagt oder gemeint haben könnte, sondern er hat sich nur dafür interessiert, wie man aus diesem Brei einen neuen Kuchen backen kann. Und wenn man anführen konnte, dass man „mit einem Gott bzw. Halbgott“ visionären Kontakt hat (Paulus mehrmals!), dann ist das doch schließlich „ein Argument“!

Der genialste Streich, der ihm dabei gelang, war einen jüdischen Messias (dazu gleich) in einen römisch-griechischen Christus zu verwandeln. Wie immer man die jüdische Sehnsucht nach einem Messias verstehen musste, ein Messias war für Juden immer ein Mensch. Ein von Gott gesandter – ohne Frage, aber eben „nur“ ein Mensch. Und dass da langsam mal einer kommen musste, der mit der römischen Vorherrschaft und der Unterdrückung des jüdischen Volkes Schluss machen sollte, war und ist ja auch nur zu verständlich. Aus diesem Menschen wurde dann der auferstandene Halbgott. Das war dann auch der Bruch zum Judentum. Juden sind schließlich Monotheisten und nicht Eins-in Drei-plus-Maria-plus-Heilige-Gläubige. So führt eben intellektuelle Schlichtheit nahezu zwangsläufig zu gläubiger Mehrheit.

Und da wir gerade beim Bruch sind: Das einzige Mal, wo Paulus auf Jesus „zugreift“, ist ausgerechnet der Bericht über das Abendmahl. Dabei soll Jesus ja nicht nur seinen Tod vorausgesehen haben (was schon anhand der Texte bezweifelt werden müsste), sondern er soll auch noch sein Fleisch und Blut zum Verzehr angeboten, zurückhaltender: für künftige Versammlungen „eingeführt“ haben. Das wäre heute so, als schlage man einem Hundebesitzer vor, er solle doch zum nächsten Feiertag seinen Hund als Braten servieren. Schlichtweg undenkbar – selbst für einen erfundenen Jesus und erst recht für alle auch nur halbwegs gläubige Juden. Griechen und Römer hatten ihre Blut-Kulte und fanden das logischerweise „ganz o.k.“.

Wir nähern uns der Zielgeraden. Durch wen und wie wurde eine „Auferstehung“ bezeugt? Die Gläubigen meinen ja schon mal, „durch mindestens die vier Jünger/Apostel, die man ja nachweislich falsch als die Evangelisten ansah“. Aber Evangelisten und Jünger waren definitiv nicht identisch! Das ist inzwischen unter klerikal unabhängigen Historiker und Theologen nahezu übereinstimmend geklärt, dass die Schreiber Jesus persönlich nicht gekannt haben, ja, dass sie nicht einmal in Palästinas gelebt haben dürften (zu viele Fehler!), sondern eben im Umfeld Syrien, Alexandria oder Antiochia. Wer sie waren weiß man nicht –griechisch Sprechende und Schreibende jedenfalls. „Gestalter“ des ersten Evangeliums war allein Markus und damit auch der Vorlagengestalter für die anderen.

Noch ein Einwurf: Als Kind dachte ich, es gäbe nur „einen Jesus“; als Kind dachte ich auch, dieser Jesus sei der einzige Mensch gewesen, den man jemals ans Kreuz geschlagen hat. Als Erwachsener dämmerte mir, dass unter der römischen Herrschaft Tausende ans Kreuz geschlagen worden waren. Durch die Befassung mit Religion wurde mir auch klar, dass Jesus eigentlich gar nicht Jesus, sondern Joschua (Schreibweisen mag man variieren) geheißen haben musste und (ausschließlich?) aramäisch gesprochen hat. Und das war ein Name wie heute Maximilian oder Emma - beide unter den Top-Ten der gegenwärtigen Kindernamen!. Und es kommt noch schöner: Mindestens drei Joschuae führten kurz vor Geburt „unseres Joschuas“ Aufstände gegen die Römer an und verloren dabei – samt ihrer Anhänger - ihr Leben. Wenn ich also einen Namens-Zipfel für meine neue Botschaft suchen würde, dann eben einen dieser Joschuae, sprich Jesuse. Als Schreiber meines Glaubens müsste ich übrigens das mit dem „Messias“ doch auf kleinerer Flammen kochen – jedenfalls außerhalb Palästinas. Was sollten denn bitteschön Griechen und Römer mit einem „jüdischen Gottesboten“ anfangen? Zumal dieser ja eindeutig gegen sie gerichtet wäre? Nein, er musste „für die Welt“ sein. Und das klappte ab 70 – und jetzt schrieb man die Evangelien – wunderbar. Die Römer hatten zum militärischen Abschluss des Jüdischen Krieges Jerusalem erobert und vor allem den jüdischen Tempel zerstört. Mit theologischem Sperrfeuer war somit nicht mehr zu rechnen. Was da noch in Jerusalem herumfantasiert wurde, konnte man jetzt „den Hasen geben“. Das ganze jüdische – sogenannte jüdisch-christliche - Herumgeeiere war schlagartig „platt“/erledigt. Und jetzt konnte man eine Religion interpretieren, die über diesen kleinkarierten Volksstamm hinausging. Und man hatte ja einen Ansatz. Einer der vielen Hingerichteten lebte nach der Erzählung weiter – ein Wunder ganz gewiss. Und das mit Bedeutung- ganz gewiss. Man musste nur noch was daraus machen...

Wodurch wurde die Auferstehung bezeugt – und von wem? Die Auferstehung wurde dadurch bezeugt, dass das Grab leer war. Aha! Diese Schlussfolgerung hat schon früher viele Menschen nicht so ganz überzeugt. Und von wem? Na, von Maria Magdalena, nein, von Petrus oder doch vom ominösen „Lieblingsjünger“? Wenn man eine Frau als Zeugin anführt, konnte man gar keinen Meineid begehen – weil Frauen eben nicht „bezeugungsfähig“ waren. Das hat sich in der katholischen Kirche bis heute mit Erfolg gehalten! Also behaupten: ja, aber dafür gerade stehen: nein! Nicht nur die letzten Worte am Kreuz, auch die Zeugen am Grab zeigen doch von einiger Verwirrung. Dazu noch ein Einwurf: Es gab nie einen Ort namens „Arimathäa“. Der Herr aus selbiger Stadt soll ja angeblich das Grab zur Verfügung gestellt haben. Was er als Ausländer dann im Sanedrin (war so was wie das Jüdische Parlament zur damaligen Zeit) verloren haben soll, ist ja noch das Geringste. Sein Name bedeutet übersetzt aber: „der vom Tode“. Und da kann man dann schon etwas stutzig werden. Aber das ist ja nicht der einzige „Klops“ an dieser Geschichte und auch nicht der einzige Name der „verräterisch“ und nach literarischer Komposition klingt. Man muss auch keinen „Scheintod“ oder eine „Verwechslung“ bemühen. Das Naheliegendste dürfte wohl sein, dass es die Anhänger eines gescheiterten Propheten (auch da glaubte ich als Kind, dass nur ein Jesus sich um „Gottesnähe“ bemüht hätte; heute weiß ich, dass man wohl die Jerusalemer Straßen mit „Propheten“ hätte vollstopfen können!). Gegen einen Scheintod spricht schon, dass die Römer sich bei Kreuzigungen nicht als derartige Dilettanten gezeigt hätten, wie die unbekannten Evangelisten bei der Abfassung ihrer Story. Und so nahm die Geschichte ihren Lauf. War erst mal ein Zweiter, Dritter, Vierter für „die Auferstehung“ gewonnen, so ergab sich sicherlich eine kleine Sog-Wirkung. Man hatte es ja schließlich nicht mit großartigen Geisteskoryphäen, sondern mit einfachen Fischern, Analphabeten und gänzlich Ungebildeten zu tun.

Apropos Evangelisten: Markus war der erste, welcher der paulinischen Mensch/Gott-Geschichte auch ein Biografie gab. Matthäus und Lukas haben diese ihnen bekannte Vorlage nur ergänzt, ausgeschmückt (ob durch eine tatsächliche weitere „Quelle“ oder doch nur selbst erfunden, sei hier dahingestellt! Darüber mögen sich andere weiterhin den Kopf zerbrechen), für ihre Gemeinden „passender“ gemacht. Kurz: Ein einziger Zeuge, der hier etwas zu Papier oder aufs Pergament gebracht hat. Und Zeugen: Auch hier wohl nur eine „Ein-Zahl“. Es dürfte als viel wahrscheinlicher angesehen werden, dass da irgendeiner einmal den Satz hat fallen lassen. „Ich kann direkt hören, was unser Meister dazu gesagt hätte! - oder so ähnlich. Vielleicht auch: „Ich sehe ihn noch genau vor mir“! - Einfach so dahingesagt, wie man vielleicht daher redet, wenn man gerade eine furchtbar deprimierende Erfahrung gemacht und ein grausames Scheitern miterlebt hat. Das wäre ja alles zu verständlich. Es muss ja auch nicht gleich der große theologische Wurf gewesen sein, der da vielleicht dem Petrus oder einer sonstigen Person durch den Kopf gegangen ist. Vielleicht ist ja sogar das schon alles Fantasie eines viel späteren Schreibers. Mit irgendwelchen zeitnahen – ich rede ab 70 – Dokumenten sieht ja ohnehin dünn aus. Es dauerte über weitere hundert Jahre bis Abschriften (!!) dieser „Ur-Zeugnisse“ als Fetzen und Bruchstücke auftauchen. Unstrittig alles „bearbeitet“ - man streitet nur „wie weit“.

Es scheint auch niemanden misstrauisch zu machen, wie „blass“ und schablonenhaft dieser Jesus durch die Evangelisten präsentiert wird, keine Beschreibung seines Aussehens, keine Hinweise, ob und wie er denn seinen Lebensunterhalt verdient hat („tätig“ war er wohl nur ein Jahr), warum er nicht verheiratet gewesen sein soll – den das war für einen volljährigen Juden, einen „Rabbi“ allemal Pflicht -, warum er überhaupt mit 12 Anhängern herumgezogen sein soll und wie die es fertig brachten, ihre Familien einfach mal zu vergessen? Die zudem jüdische Stämme präsentiert haben sollen, ohne jedoch diesen Stämmen überhaupt anzugehören, geschweige denn einem „Weltstamm“? Dass dieser selbst mehr als einmal gegen seine eigenen Gebote verstoßen (Höllendrohungen!) oder sich selbst widersprochen hat. Das wird nur dann plausibel, wenn man eine Idee „verkörpern“ will, Botschaften erfinden und/oder ergänzen oder der Glaubwürdigkeit halber gar „muss“. Über die Verkörperung selbst macht man sich dann weniger Gedanken und schließlich vermeidet man beim diffus-bleiben die Gefahr einer „Erfindung“ oder einer „Lüge“ überführt zu werden. Mit „Weihnachten“ haben die Dazu-Erfinder Matthäus und Lukas nach überwiegender Auffassung ihren theologischen Schiffbruch erlitten, da dort gut nachweislich „nichts“ stimmt und sie sich zudem noch widersprechen – wie alle, wie so oft. Aber genau dieser „Weihnachts-Mythos“ ist ja das meist geglaubte (!) und höchst gefeierte „Ereignis“. Allein das muss ja schon zu denken geben und beweist vortrefflich, das Mythen einer wahren Geschichte „im Glauben“ eben dann in nichts nachstehen.

Zur Klarstellung: Eine einzige Behauptung reicht (s.o.), eine schriftliche Fixierung (s.o.) reicht, ein Prediger mit einer „zündenden Idee“ im Ausland (s.o.; wo man die Kerngeschichte weder nach Person, weder nach Ort und auch nicht nach Zeit überhaupt nicht überprüfen kann! Einige Ausrufezeichen!) Als Paulus nach Rom reisen wollte (ob er überhaupt dort gewesen war und geschweige denn dort hingerichtet wurde, ist fraglich; dort gab es übrigens schon „Christen“ - aber ob diese etwas von einem jüdischen Jesus wussten, erscheint durchaus fraglich! Dass das Modell „Auferstehung“ bei den Menschen gut ankam, war offensichtlich). Und so begründet sich übrigens der Reisezirkus: Jesus musste als Messias in Bethlehem geboren werden – auch wenn das später für den „Nazarener“ ja offensichtlich keine Rolle mehr spielte. Jesus musste in Jerusalem hingerichtet werden, weil nur diese Stadt „einen Ruf“ hat. Paulus musste in Griechenland unterwegs sein, weil so seine Botschaft auch „griechisch“ ankam. Petrus musste man „als Nachfolger“ nach Rom reisen und dort sterben lassen, weil die Kirche ja schließlich das Machtvakuum in Rom und eben nicht in der heruntergekommenen Provinz mit einer heruntergekommen Stadt – Jerusalem – ausfüllen und dort herrschen wollte. Was wäre das für die Kirche für ein Desaster, wenn man Jesus keine „Petrus-Ernennung“ in die Schuhe schieben könnte? Aber warum dieser Jesus Petrus „die Schlüssel für das Himmelreich“ übergeben haben sollte, lässt sich aus den Evangelien nicht überzeugend herauslesen. Dieser Petrus war nämlich nicht der „Lieblingsjünger“ - mit diesem lief er ja schließlich um die Wette zum leeren Grab, er verleugnete bekanntlich seinen Meister, er leitete auch nicht die erste Gemeinde in Jerusalem, das war der Herrenbruder Jakobus. Also wer, wenn nicht die Blaupause für die Päpste war dieser Petrus? Den Evangelisten war bei der Niederschrift schließlich auch noch nicht klar, wo denn die theologische Reise hin ging und wer denn nun überhaupt Sitz und Oberhaupt sein sollte. Religion braucht halt ihre Zeit. Und mit dem meisten, was heute so geglaubt wird, hat die Hauptfigur des Neuen Testaments ohnehin nichts zu tun.


Zu allerletzt:

Dass viele Menschen, ja Millionen gar, „an die Evangelien“ und an einen auferstanden Jesus glauben, ist auch keine Wahrheitsgarantie, sondern viel eher wohl ein verzweifeltes Wunschdenken. Wie viele Menschen glauben, dass Shakespeare in Stratford upon Avon gelebt und dort seine Stücke geschrieben habe? Dies ist auch so einer der grandiosen Irrtümer. Bacon, Marlowe, Edward de Vere – alles umstritten, aber eben nie und nimmer dieser ungebildete Händler aus Stratford. Wie viele glauben an einen „Kern“ bei der Arthus-Sage? Was beweist das – lebte Arthus deswegen tatsächlich? Oder Robin Hood – ist nicht auch da den „Gutmeinern“ ihre Weltsicht und Wunschdenken etwas zu sehr ins Kraut geschossen? Wie wurden die Nibelungen oder Wilhelm Tell zusammengeschustert? Dabei geht es ja nur um „Irdisches“. Es liegt nun mal in der menschlichen Eigenheit, dass man „große Ideen“ auch mit einer „großen Biografie“ verbinden möchte. Oder hat man eine „große Biografie“, dann schafft man auch eine „große Idee“ („Europa“) – wie z.B. mit Karl dem „Großen“. Abstraktes Denken oder Philosophieren hat der Mehrheit der Menschen noch nie gelegen. Und bei der Religion ist es vielleicht auch nur so, wie oft in der Musik: Die „Unterschicht“ entdeckt z.B. den Jazz oder Rock 'n Roll für sich und „aus Protest“, die Elite rümpft anfangs die Nase, aber auf einmal findet man dies „toll“ und ist dabei – bis zu einer neuen „Bewegung“. Die Fischer um den See Genezareth machten in einer trüben Zeit vielleicht eine trübsinnige Erfahrung, das könnte im Kern schon so gewesen sein, aber daraus entspann sich eine der erfolgreichsten literarischen Schöpfungen und Religionen. Und dass alles so blieb und bleibt, dafür sorgte dann schon die Kirche. That's all – zumindest als Abriss.

 

Roland Weber